Snapchat kündigte jetzt gravierende Veränderungen an, die quasi in die DNA des sozialen Netzwerks eingreifen und ich finde das großartig. Wenn Twitter solche Änderungen ankündigt, bin ich aber skeptisch. Messe ich, messen wir hier mit zweierlei Maß? Ja! Nur: Weshalb? - Ein Kommentar.

Als Twitter-CEO Jack Dorsey Anfang des Jahres die Idee in den (virtuellen) Raum warf, Twitter könnte schon bald statt der bisher erlaubten 140 auf ganze 10.000 Zeichen pro Tweet anwachsen, war ich überhaupt nicht begeistert (Bericht: 10.000 Zeichen: Twitter im Director's Cut). Twitter rüttele daran, was es ausmacht, schrieb ich damals. Heute tut Snapchat ähnliches: Bisher war die App mit dem geist dafür bekannt und beliebt, das geteilte Fotos und Videos spätestens binnen 24 Stunden gelöscht werden und genau das soll sich mit der Einführung von Memories bald ändern (Bericht: Memories: Snapchat kündigt gewaltige Veränderung an). Und ich? Ich bin angetan.

Die unterschiedliche Wahrnehmung beider Netzwerke liegt wohl ganz einfach daran, dass Twitter es bislang verpasst hat, Neues zu entwickeln, sich zu verändern. Twitter ist seit jeher der 140-Zeichen-Kurznachrichtendienst - nicht mehr und nicht weniger. Das hat zur Folge, dass selbst kleine Veränderungen, wie der Tausch des Favoriten-Sterns gegen das Like-Herz, äußerst kritisch gesehen werden. Twitter war immer wie es ist und soll auch so bleiben. Ich mag Twitter schließlich wirklich gern und nutze es täglich. Dennoch klingt meine Einstellung konservativ, großväterlich-piefig - ich weiß. Und Snapchat? Die App entwickelt sich ständig weiter: Re-Design, neue Chat-Funktionen, neuer Modus, nachdem automatisch die Storys verschiedener User nacheinander abgespielt werden - das sind nur ein paar Änderungen allein in diesem Jahr. Die sind nicht alle gut, aber es tut sich was bei Snapchat. User müssen also immer mit kleinen und größeren Veränderungen rechnen.

Hinzu kommt, dass Snapchat ein wenig anarcho-mäßig unvollkommen anmutet, weil die App so anders ist als andere soziale Netzwerke: Man hat nur eingeschränkte Suchmöglichkeiten nach Usern, man sieht nicht, wie viele Menschen einem folgen, man kann nicht sehen, welche Reichweite andere User haben und auf Bewertungsmöglichkeiten wird bislang quasi komplett verzichtet. Was so unfertig wirkt, muss sich verändern dürfen - auch drastisch, wie es nun bei Snapchat kurz bevor steht. So zumindest denke und fühle ich, wenn ich an die Neuigkeiten denke, die seit einigen Tagen durch das WWW schwirren.

Dabei weiß ich, dass Snapchat natürlich längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist. Die App hatte Ende 2015 weltweit 110 Millionen tägliche (!!!) Nutzer und wurde mit 20 Milliarden Dollar bewertet. Gerade bei jungen Usern ist das Netzwerk äußerst beliebt - in den USA liegt es teilweise sogar vor Instagram, dem Foto- und Videonetzwerk von Facebook. Das klingt alles eher nach Mainstream, als nach Anarcho-App. Aber vielleicht ist gerade dieses Gefühl der Unvollkommenheit, des Unangepasstseins das Erfolgsrezept, durch das sich kleine und riesige Veränderungen vermarktbar machen. Wenn dem so ist - und dafür spricht vieles -, dann sollten die Snapchat-Macher dieses Image pflegen. Es ist ihr größter Trumpf im Kampf um Innovationen und neue Nutzer.

Von Stephan Voigt

Meine sozialen Profile

Wo ich überall im Social Web zu finden bin, steht übrigens hier: Social Networks.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren