Glücklich sind Cindy und Dean nur kurz, das Scheitern ihrer Ehe dauert hingegen lang. Regisseur Derek Cianfrance zeigt in "Blue Valentine" fast episodenhaft, wie aus dem verliebten Paar kühle und abweisende Einzelgänger werden und erreichte damit 2010 seinen Kino-Durchbruch.

Großes Glück hat Ciancrance mit seinem Cast: Michelle Williams ("My Week With Marilyn", "Shutter Island") und Ryan Gosling ("Drive", "The Place Beyond The Pines") verkörpern sowohl die frisch Verliebten, als auch die Desillusionierten, Unzufriedenen absolut eindrücklich und mitreißend - für Williams sprang sogar eine Oscar-Nominierung heraus, allerdings musste sie sich Nathalie Portman ("Black Swan") geschlagen geben. Williams und Gosling tragen den Film nahezu im Alleingang, alle weiteren Darsteller sind tatsächlich nur Randfiguren. Cianfrance konzentriert sich voll und ganz auf seine Hauptdarsteller und damit auf Cindy und Dean, um deren Charaktere, Stärken und Schwächen ausleuchten zu können.

Und das ist auch nötig, um das Scheitern der Ehe zu verstehen. Inszenatorisch ist bei "Blue Valentine" vieles schon angelegt, was Cianfrance drei Jahre später in "The Place Beyond The Pines", ebenfalls mit Ryan Gosling in der Hauptrolle (meine Film-Kritik: Familienbande mit viel Schatten und wenig Licht), erneut und vielleicht sogar noch konsequenter zeigt: So hat der Regisseur eine Schwäche für Charaktere am Rande der Gesellschaft, mit wenig Hoffnung und einem beschwerlichen Leben. Cianfrance charakterisiert seine Figuren und deren Leben durch kühle, fast abweisende Bilder und Stadtansichten, durch Wortkargheit. Dabei sind die Figuren nie eindimensional gut oder böse, freundlich oder nett.

So ist es auch bei Cindy und Dean - sie studiert Medizin, er schlägt sich als Umzugshelfer durch. Trotz der Unterschiede finden die beiden zusammen, verlieben sich. Wenn Dean beim Spaziergang auf seiner Ukulele spielt, dazu schräg singt und Cindy zu tanzen beginnt, dann ist das eine von wenigen unbeschwerten Szenen - und selbst die findet vorausschauend in der düsternen Nacht statt. Bald bemerkt Cindy, dass sie von ihrem Ex-Freund, mit dem sie kurz zuvor noch zusammen war, schwanger ist. Dean beschließt, das Kind mit Cindy großzuziehen, sie heiraten, Cindy bricht das Studium ab und arbeitet als Krankenschwester. Und mit und mit wird der Ton in der Ehe rauer, kälter...

All diese Wegpunkte der Ehe sieht der Zuschauer in Flashbacks. Im Hier und Jetzt - eine wirkliche Rahmenhandlung ist es nicht, da Cianfrance ihr dafür zuviel Platz einräumt - ist die Ehe gescheitert, Cindy und Dean leben nebeneinander her, lieben ihre Tochter Franckie aber sehr und vermitteln daher den Eindruck, nur wegen ihr noch zusammen zu sein. Einen wirklichen Fehler, der zum Scheitern führte, hat dabei niemand begangen, Cindy und Dean kämpfen mit ihren Lebensumständen und verzweifeln an ihnen. Die Phase des Verliebtseins war zu kurz und zu schnell zog durch die Schwangerschaft der Ernst in die Beziehung ein, für Unzufriedenheit werden auch der soziale Unterschied zwischen den beiden und das abgebrochene Studium Cindys gesorgt haben.

So gerät das Ehepaar in eine Abwärtsspirale an deren Ende als Versuch die Ehe zu retten, wenig lustvoller Sex in einem geschmacklosen Science-Fiction-Hotelzimmer steht. Zum Schluss entlässt Cianfrance den Zuschauer in ein ebenso offenes, wie trauriges Ende, weil man Cindy und Dean wünscht, dass sie zueinanderfinden - auch wegen der Tochter.

Von Stephan Voigt

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