Eine alte Dame sucht ihren Sohn, der im Kindesalter gegen den Willen der Mutter zur Adoption freigegeben wurde - das Leben von Philomena, der Titelheldin in Stephen Frears Film, ist dramatisch, traurig, herzzerreißend. Dennoch findet der Regisseur in diesem großartigen Arthouse-Film immer wieder auch komische Momente.

Und eben das ist die große Stärke von "Philomena", dem 2013er-Werk des "The Queen"-Regisseurs Frears: Der Film findet die perfekte Balance zwischen zu Tränen rührender Tragik und komischen Momenten, sodass er nicht schwer und bedrückend daher kommt, sondern leicht konsumierbar bleibt - und das ist nicht negativ gemeint. Denn es erfordert ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, aus einem Leben wie dem der Philomena keinen düsteren und depressiven Film zu machen und trotzdem ihrem Schicksal gerecht zu werden.

Als junge und unverheiratete Frau (gespielt von Sophie Kennedy Clark: "Nymphomaniac") im streng katholischen Irland wird Philomena, als sie schwanger wird, in ein Kloster gebracht, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt und Zwangsarbeit in einer Wäscherei vollrichten muss. Eines Tages wird ihr Sohn gegen Philomenas Willen zur Adoption freigegeben. Der Moment, als die fremden und scheinbar gut betuchten neuen Eltern vorfahren und den kleinen Anthony mitnehmen, ist natürlich ein traumatischer. Sophie Kennedy Clark spielt die Angst, Verzweiflung und Wut perfekt und vermittelt diese Ausnahmesituation dem Zuschauer unter die Haut gehend. Erst als alte Dame (dann gespielt von Oscar-Preisträgerin Judi Dench: "James Bond", "Shakespeare in Love", "Tagebuch eines Skandals") beschließt Philomena, überhaupt darüber zu sprechen, dass sie einen Sohn hat und diesen auch mit Hilfe des Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan: "Marie Antoinette") zu suchen.

Philomena möchte wissen, was aus ihrem Sohn geworden ist - ein nachvollziehbarer und auf der Hand liegender Wunsch. Aber sie möchte auch wissen, ob er sich an seine Heimat Irland erinnert, ob er nach ihr, seiner Mutter, gesucht hat. Und sie möchte noch einmal mit ihm reden, die damalige Situation erklären. Dazu kommt es nicht mehr, denn bald kommt während der Recherchereise, die das ungleiche Duo bis in die USA führt, heraus, dass Anthony bereits verstorben ist - ein neuerlicher Schock für Philomena. Sie spricht fortan mit Weggefährten ihres Sohnes, um zu erfahren, wie er war, ob er von Irland gesprochen hat. All diese ebenso tragischen und traurigen wie ruhigen Momente weiß Judi Dench perfekt auszufüllen. Immer wieder kann sie - die Oscar-Preisträgerin war auch für "Philomena" für einen Goldjungen nominiert, musste sich aber der ebenfalls großartigen Cate Blanchett in "Blue Jasmine" geschlagen geben -  ihre ganze schauspielerische Klasse in die Waagschale werfen und so dem Film ihren Stempel aufdrücken. Dabei drückt Dench mit einzelnen Blicken, die nichtmal direkt in die Kamera gerichtet sind, die ganze Trauer einer Mutter aus, die ihr Leben lang auf ihren Sohn verzichten musste und schließlich versucht, ihn kennenzulernen, in dem Wissen, ihn niemals mehr zu Gesicht zu bekommen.

Gleichzeitig wird einem der Zynismus der Medienbranche vor Augen geführt, wenn Martin Sixsmith seine Chefredakteurin über den aktuellen Stand der Recherchen auf dem Laufenden hält und diese kalt und berechnend nicht das Schicksal der alten Dame interessiert, sondern nur, wie sich die Neuigkeiten auf den zu schreibenden Artikel auswirken. Ebenso zeigt "Philomena" das Versagen der Institution Kirche, wenn es um das Aufarbeiten ehemals begangenen Unrechts geht.

Während der Film in einem Moment fast zu Tränen rührt, kann man im nächsten schon wieder lachen. Beides - den Zuschauer zum Weinen und zum Lachen bringen - sei besonders schwer, heißt es immer wieder. Judi Dench beherrscht beides perfekt und zeigt das in "Philomena" eindrucksvoll. Dabei entsteht die Komik immer dann, wenn die etwas unbedarfte ältere Dame aus der irischen Provinz mit der großen, modernen Welt in Kontakt kommt und wenn immer wieder kurz deutlich wird, dass die ältere Dame vielleicht doch weltoffener ist, als man es eigentlich erwartet. So winkt Philomena auf dem Flug in die USA die Stewardess mit den Kaltgetränken zu sich zurück, als sie hört, dass die Erfrischungen kostenfrei sind, und kommentiert das mit den Worten, bei Ryanair müsse man für alles extra zahlen. Und als herauskommt, dass ihr Sohn homosexuell war, wirkt sie gar nicht überrascht und erklärt nur: "Das habe ich mir gedacht, seitdem ich das Foto von ihm mit der Latzhose gesehen habe."

Von dieser feinen Situationskomik gibt es viele Momente in "Philomena" und sie sorgen für diese perfekte Ausgewogenheit zwischen Tragik und Komik. Zusammen mit dem durchweg großartigen Cast - angeführt von der fabelhaften Judi Dench - und der packenden Lebensgeschichte ergibt das einen absolut sehenswerten Film. Regisseur Stephen Frears ist hier ein großer Wurf gelungen.

Von Stephan Voigt

 

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