Ein Segelboot, die unendliche Weite des Meeres, einen herrenlos umher schwimmenden Frachtcontainer - und Robert Redford. Mehr braucht es nicht, um einen grandiosen, spannenden und mitreißenden Film zu machen. "All is lost" legt die Messlatte für das Kinojahr schon Anfang Januar ganz hoch.

Minimalistischer kann ein Film kaum inszeniert werden. Dennoch ist Regisseur J.C. Chandor ("Margin Call - Der große Crash") ein absolut fesselnder Film gelungen, weil er mit einer menschlichen Urangst spielt - allein und hilflos den Naturgewalten auf offener See ausgesetzt zu sein. Der namenlose Segler, der im Abspann schlicht Our Man (deutsch: Unser Mann) genannt wird, ist vor Sumatra mit seinem Boot unterwegs und wird aus dem Schlaf gerissen, als er einen Frachtcontainer rammt, der von einem Schiff gefallen sein muss. Von diesem Moment an beginnt ein Kampf ums nackte Überleben.

Dabei lässt Regisseur Chandor die Spannung erst allmählich ansteigen. Zunächst sieht es ganz so aus, als hätte unser Mann alles im Griff. Das Leck wird notdürftig geflickt, die Bordelektronik in der Sonne getrocknet... Der Segler hat sogar Zeit, zu lesen und sich Essen zu kochen. Doch dann zieht ein Sturm auf und das Leck im Rumpf bricht wieder auf. Der Segler muss gegen Wind und Wellen kämpfen, geht über Bord und kann sich mit letzter Kraft doch noch retten. Am nächsten Tag ist das Boot manövrierunfähig und unser Mann kann nur hoffen, auf eine der großen Schifffahrtsrouten zuzutreiben.

Nahezu jeder Handgriff des Namenlosen wird gezeigt und Chandor nimmt sich sogar heraus, seinen Protagonisten irgendetwas vergessen zu lassen, sodass er wieder zurück ins Boot muss, noch etwas holt. Das könnte sehr schnell sehr langweilig werden. Ist es bei "All is lost" aber absolut nicht. Und das ist ein Verdienst von Robert Redford, der mit seinen 77 Jahren soviel Präsenz hat und den Film ganz allein zu tragen vermag. Wie sein namenloser Segler gegen die Winde kämpft, wie ihm jeder Schritt in dem großen Sturm schwer fällt, wie er immer mehr die Hoffnung verliert, wie er hier und da doch wieder an Rettung glaubt und wie er sich schließlich aufgibt - all das spielt Redford nahezu ohne Worte. Der 106-Minuten-Film kommt mit ganz wenigen Sätzen aus und ist dennoch (oder gerade deswegen) faszinierend. Blicke, Gestiken reichen dem Mimen, der nun vielleicht seinen ersten Oscar als Hauptdarsteller bekommen wird, um den Zuschauer mit dem Namenlosen mitfühlen zu lassen.

Dabei zeigt "All is lost", der vom Plot - eine einzelne Person kämpft auf sich gestellt ums nackte Überleben - stark an Alfonso Cuaróns "Gravity" (Rezension: Der Weltraum, unendliche Weiten...) erinnert und dennoch ganz anders ist, zwei Dinge. Zum einen macht Regisseur J.C. Chandor deutlich, wie wunderschön und totbringend zugleich die Natur im Allgemeinen und das Meer im Speziellen ist. So sind neben der Handlung an Bord immer wieder Unterwasseraufnahmen oder Bilder von traumhaften Sonnenuntergängen und Wolkenformationen zu sehen. Zum anderen ist "All is lost" aber auch Wirtschaftskritik. Nicht umsonst beginnt das Unheil des Mannes, der durch seine Namenlosigkeit jeder Mensch auf der Welt sein könnte, damit, dass er einen Container voller Turnschuhe rammt. Und später, als er die Schifffahrtsroute erreicht, nimmt keiner der riesigen Frachter Notiz von ihm. Was zählt schon der Einzelne mit seinen Sorgen und Nöten in unserer weltweit vernetzten Welt, in der es nur darum geht, alles überall und möglichst günstig kaufen zu können? Nichts!

Von Stephan Voigt


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