Jeder Mensch hat Geheimnisse, jede Familie hat Dinge, über die nicht gesprochen wird. Bei den Westons, die irgendwo im Nirgendwo von Oklahoma leben, ändert sich das, als das Familienoberhaupt stirbt und die Töchter wieder in die Heimat kommen. Alte Wunden werden aufgerissen, Geheimnisse preisgegeben - auf ebenso traurige, wie humorvolle Art. Genau das ist das Erfolgsrezept von "Im August in Osage County".

John Wells, der bislang lediglich in "Company Men" im Regiestuhl saß, gelingt es, den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitzunehmen. Die Grundstimmung des Filmes ist nämlich sehr traurig, dennoch gelingt es Wells, in dieser Traurigkeit auch die heiteren Momente zu finden. Das Haus von Violet und Beverly Weston (Meryl Streep und Sam Shepard) ist immer dunkel, die Vorhänge sind zugezogen und der Zuschauer kann die stickige Luft in jeder Szene geradezu spüren. Dann verschwindet Beverly und lässt seine Frau Knall auf Fall allein. Die drei Töchter kommen der krebskranken und Tabletten abhängigen Mutter zu Hilfe und kurz darauf wird klar: Beverly hat sich das Leben genommen.

Derartige Familienzusammenkünfte in besonderen Situationen, wie sie Tracy Letts in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bühnenstück beschreibt, das als Vorlage für den Film diente, führen gern zu Zwist und dem Aufbrechen alter Wunden. Insofern erinnert "Im August in Osage County" stellenweise an Thomas Vinterbergs Dogma-Film "Das Fest". Wells beschreibt den Generationenkonflikt zwischen der Mutter und ihren Töchtern sowie die vielen Streitigkeiten, wunden Punkte und Geheimnisse, die es in allen Familien gibt. Nach Außen hin wirkt die große Sippe glücklich und wie eine Einheit, hinter der Fassade aber brodelt es.

Zum einen haben alle Töchter mit der Tablettensucht der Mutter und den daraus erwachsenden Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Zum anderen haben die Töchter auch selbst mehr als genug Probleme. Barbara (Julia Roberts) hat sich von ihrem Mann (Ewan McGregor) getrennt und die gemeinsame Tochter (Abigail Breslin) befindet sich mitten in der Pubertät. Karen (Juliette Lewis) hingegen hat mal wieder einen neuen Mann. Sie ist mit dem Ferrari fahrenden Steve (Dermot Mulroney) verlobt und hat nur ein Thema: wie toll ihr Steve ist und wie sehr die beiden verliebt sind. Die dritte Tochter ist Ivy (Julianne Nicholson). Sie ist als einzige auf dem platten Land geblieben und bekommt von ihrer Mutter regelmäßig ganz offen gesagt, dass sie sich hübscher kleiden soll, damit sie endlich einen Mann findet. Dabei hat sie heimlich längst einen: ihren Cousin, den leicht zurückgebliebenen Charles Aiken (Benedict Cumberbatch).

All diese Konflikte kommen zu Tage, als sich die Familie in der Hitze von Osage County trifft. Gerade Meryl Streep sorgt für einige bestürzende Momente, wenn ihre Violet Weston wegen des Einflusses der Medikamente völlig verwirrt scheint, dann einen Wutanfall bekommt und ihre Familie grundlos auf das Schlimmste beleidigt. Im nächsten Moment kann man mit Streeps Violet aber auch wieder herzhaft lachen, wenn sie ihrer Tochter Ivy rät, sich hübsch zu machen, damit sie endlich einen Mann abbekommt: "Alle Frauen brauchen Schminke. Nur Elizabeth Taylor war so schön, dass sie keine brauchte - und die hat tonnenweise Schminke getragen."

So wie sich alles in der Familie in diesem heißen August in Osage County um Violet dreht, so ist auch Meryl Streep der Mittelpunkt des Filmes. Ganz zurecht war sie für ihre Leistung für einen Oscar nominiert. Der Film funktioniert aber nicht nur wegen ihr. Das gesamte Ensemble ist grandios besetzt: Julia Roberts ("Notting Hill", "Eat. Pray. Love") war ebenfalls für ihre Darstellung für einen der Goldjungen nominiert und dann sind da noch Ewan McGregor ("Star Wars - Episoden I-III", "Moulin Rouge"), Chris Cooper ("Adaption", "American Beauty"), Benedict Cumberbatch ("Sherlock", "12 Years a Slave") und die erst 18-jährige Abigail Breslin, die bereits mit elf Jahren für einen Oscar nominiert war ("Little Miss Sunshine").

Hochkarätiger kann ein derart kleines, intimes Familiendrama kaum besetzt sein. Dass man allen Schauspielern dabei auch ansieht, wie gern sie bei "Im August in Osage County" mitwirken und dafür wohl auch auf einiges ihrer üblichen Gage verzichten, lässt den Zuschauer gern darüber hinwegsehen, dass das Vokabular bei Familie Westen an einigen Stellen zu vulgär ist.

Das ist aber der einzige Kritikpunkt an diesem - im besten Sinne - Frauenfilm. Schade, dass er lediglich in Programmkinos zu sehen sein wird und damit nicht das große Publikum erreichen wird. Verdient hätte es "Im August in Osage County" auf jeden Fall.

Von Stephan Voigt


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