Fesselnd auf gleich ganz vielen Ebenen ist das Drama "Her" von Regisseur Spike Jonze. Es spielt in einer nahen Zukunft, die dank moderner Technik viele schöne Bequemlichkeiten bereithält, gleichzeitig aber auch eine schreckliche Kehrseite offenbart. Zentral bei "Her" ist aber die Frage danach, was einen Mensch zum Mensch macht.

Der Zuschauer wird, sofern er aufmerksam genug ist, viele Kleinigkeiten in "Her" entdecken, die er sich auch für unsere Welt wünscht. Da ist ein Fahrstuhl, an dessen Wand die Silhouette eines Baumes projeziert ist, sodass die Mitfahrenden den Eindruck haben, neben dieser Pflanze emporzusteigen. Außerdem wäre da noch das angenehme Lichtkonzept in der Wohnung von Hauptcharakter Theodore Twombly und dessen mit allen Finessen ausgestattetes Handy, das ihm das Checken seiner Mails und das Hören seiner liebsten Musik ganz einfach macht.

Aber die Welt, die Spike Jonze da kreiert, ist dank der Technik nicht nur angenehm. Im Gegenteil: Der Zuschauer wird, eben noch begeistert über die süßen Errungenschaften der nahen Zukunft, bald den Kopf schütteln und geradezu schockiert über einige Entwicklungen sein, die ebenso gezeigt werden. So arbeitet Theodore in einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Briefe - handgeschrieben - für Kunden zu verfassen. Und so schreibt er jeden Tag die Liebesbriefe fremder Menschen und übernimmt es für Eltern, nach dem Wohlbefinden der Kinder zu fragen. Das seien nur Briefe, sagt Theodore irgendwann, damit aber liegt er falsch. Er übernimmt Mitmenschlichkeit, Gefühl und Liebe professionell für Fremde und macht dies damit zur Ware.

Doch all das sind nur Nebenaspekte von "Her", die den Film aber eben so vielschichtig und sehenswert machen. Der eigentliche Plot dreht sich darum, dass Theodore (Joaquin Phoenix: "Gladiator", "Walk the Line") sich ein neues Operating System mit künstlicher Intelligenz auf seinen Computer und sein Handy lädt. Zunächst plaudert Theodore locker mit der Frauenstimme (im amerikanischen Original gesprochen von Scarlett Johansson) in seinem Computer und wundert sich selbst darüber, dass es ihm Freude macht, mit dem Computerprogramm zu sprechen, das sich selbst den Namen Samantha gibt und tatsächlich sehr charmant ist. Doch langsam wird die Beziehung inniger, denn Samantha entwickelt sich weiter, lernt, möchte Erfahrungen machen und Gefühle haben. Irgendwann ist es soweit und Theodore und Samantha haben (verbalen) Sex, beginnen eine Beziehung, in der der Mensch dem Computer durch die Kamera des Handys die Welt zeigt.

Und tatsächlich zeigt "Her" dabei in vielen, vielen Großaufnahmen von Theodores Gesicht - also quasi durch die Kamera seines Handys - eine Liebe, die wir alle kennen: Die Verliebten freuen sich aufeinander, sie lernen sich kennen, sprechen viel über bereits gemachte Erfahrungen, schließlich gibt es auch kleine Differenzen, irgendwann auch echte Unstimmigkeiten. Was also unterscheidet die Beziehung zwischen Mensch und Computer zu der zwischen zwei lebenden Individuen? Was macht einen Menschen überhaupt aus? Ist es die Körperlichkeit? Ist es der Unterschied, Erfahrungen tatsächlich zu machen oder, wie im Fall von Samantha, nur im Internet darüber zu lesen? Fühlt Samantha denn wirklich, oder imitiert sie das? 

Am Ende jedenfalls muss diese Beziehung scheitern. Sie scheitert aber nicht am Fehlen von Menschlichkeit auf Seiten Samanthas, sondern, weil Theodore, der Mensch, unzulänglich ist. Und auch da zeigt Spike Jonze wieder den Horror der Zukunft: Vielleicht sind ja nicht die Maschinen das Problem, sondern wir Menschen.

Von Stephan Voigt

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