Man stelle sich vor, Europa wächst langsam zusammen. In einem Jahr werden die innereuropäischen Grenzen abgeschafft. Ein ganzer Kontinent freut sich. Ein ganzer Kontinent? Nein, in einem kleinen belgischen Grenzstädtchen regt sich Widerstand... Und dieser Widerstand wird von "Willkommen bei den Sch'tis"-Macher Dany Boon verfilmt - ein Flop!

Natürlich bietet Boons neuestes Werk - er ist als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller an Bord - einige Gelegenheiten zum Schmunzeln und etwas weniger zum richtigen Lachen. Das reicht allerdings längst nicht, wenn man bedenkt, welchen Schatz der Plot um die Grenzöffnung bietet. So viel Kurioses, Politisches, politisch Unkorrektes, Absurdes und (aus heutiger Sicht) Wahres hätte man in "Nichts zu Verzollen" verpacken können. Die vielen Chancen lässt Boon leider aus.

Zwar versucht er viele Aspekte der europäischen Einigung in das 108-Minuten-Werk zu verpacken, das gelingt allerdings kaum und wirkt oft halbherzig. Die Handlung dreht sich um den belgischen Zollbeamten Ruben Vandevoorde (Benoît Poelvoorde), der nichts mehr hasst als seine Nachbarn, die Franzosen. Dummerweise weiß er nicht, dass sein französischer Kollege Mathias Ducatel (Boon) seit Langem eine heimliche Beziehung zu seiner, Vandevoordes, Schwester Louise (Julie Bernard) pflegt und diese jetzt sogar heiraten will.

Darum sind verschiedene Nebenhandlungen gestrickt. So macht sich ein Drogenhändler Sorgen, dass er nach der Auflösung der klaren und berechenbaren Grenzkontrollen vermehrt Ärger bekommt und die Betreiber eines Restaurants direkt an der Grenze - bezeichnender Name des Ladens: "No Man's Land" - befürchten, dass ihnen Kunden ausbleiben, wenn niemand mehr am Grenzposten halten muss.

Leider läuft all das immer nur darauf hinaus, dass der belgische Zöllner die Franzosen wieder und wieder als Käseesser beschimpft, der Drogenkurier natürlich vollkommen debil ist und die Restaurant-Besitzerin sich mit ihrem dämlichen Mann herumschlägt. Neu ist davon nichts, die schwülstig-pathetische Musik bei Liebesszenen ist kitschig, der belgische Dialekt wirkt in der deutschen Synchronisation gar nicht und jede Form von bissigem vielleicht auch bösem Humor vermisst man total.

Und so schuf Boon eine zu seichte Komödie für die ganze Familie, statt bissig - aber nicht verletztend - den Finger in die Wunde zu legen und Belgier und Franzosen wirklich kritisch zu charakterisieren. Boon bleibt lieber nett. Wie das besser geht, kann er sich aktuell in Deutschland anschauen. "Almanya - Willkommen in Deutschland" zeigt herzerfirschend komisch und trotzdem bissig, wie Türken Deutsche sehen. Ein toller Film - meilenweit besser als "Nichts zu Verzollen".

Von Stephan Voigt

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