Er bekommt sie alle: Owen Wilson, Rachel McAdams, Marion Cotillard, Adrien Brody und sogar Frankreichs First-Lady Carla Bruni. Woody Allen ist ein Phänomen: Nach Jahrzehnten im Filmgeschäft, in denen nahezu jedes Jahr ein neues Werk erschien, ist der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler immer noch im Geschäft und dreht mit den ganz Großen. Bei seinem neuesten Streifen "Midnight in Paris" beweist Allen, dass er auch mit 81 Jahren noch witzige und intelligente Komödien schreiben kann.

Bei "Midnight in Paris" kombiniert Allen mal wieder bissigen Humor, dieses Mal gegen die Konservativen Amerikaner und die Tea-Party-Bewegung, mit der Darstellung der versnobten Upper Class und einer surrealen Handlung. Insofern kann man dem Regisseur wenig Hang für Neues nachsagen, muss aber zugestehen, dass er auf seine alten Tage die Welt entdeckt und dabei gute Filme schafft: "Match Point" und "Scoop" spielten in London, "Vicky Christina Barcelona" in Barcelona und jetzt führt es den kleinen New Yorker in die Seine.

Und natürlich geht es um Irrungen und Wirrungen rund um die Liebe. Gil (Owen Wilson) versucht sich also Romancier, erleidet aber einen Rückschlag nach dem anderen. Gemeinsam mit seiner Verlobten (Rachel McAdams) sucht er in Paris nach Inspiration. Dabei wird er von seinen Bald-Schwiegereltern John (wunderbar: Kurt Fuller) und Helen (Mimi Kennedy), die ebenfalls in Frankreichs Hauptstadt weilen, gestört.

Schon allein bei der Darstellung vom flatterhaften Freigeist Gil und seinen erzkonservativen Schwiegereltern beweist Woody Allen sein brillantes Auge für Beziehungen und gesellschaftliche Gruppen. Wenn die unterschiedlichen Weltanschauungen zum Beispiel über den Irak-Krieg und die Bush-Regierung aufeinander prallen, dann sind das die besten Dialoge des Filmes und ein Highlight in Allens Schaffen, auch wenn man die Komödien der vergangenen Jahre hinzu zieht.

Dabei hat der Film noch nicht einmal richtig begonnen. Denn eines Nachts schlendert Gil durch Paris, kommt an einer kleinen Gasse vorbei, die Kirchturmuhr schlägt Mitternacht und kurz darauf kommt ein Oldtimer vorbei, hält und nimmt Gil zu einer Party mit, bei der sich ihm ein gewisser Scott Fitzgerald vorstellt.  Es dauert, bis Gil begreift, dass es keine zufällige Namensgleichheit mit dem 1940 gestorbenen Schriftsteller ist, sondern dass es sich wirklich um eben diesen handelt. In den folgenden Nächten geht Gil immer wieder um Mitternacht zu der kleinen Gasse und unternimmt immer wieder die Zeitreise. Er trifft Dali (Adrien Brody), Picasso, Hemingway und die schöne Adriana (Marion Cotillard), in die er sich verliebt...

Man sieht allen Akteuren an, dass es ihnen sichtlich Spaß macht, sich in die Vergangenheit zu versetzen und in die Rollen all dieser großen Künstler zu schlüpfen.  Sogar Owen Wilson, der bisher nicht durch schauspielerische Glanzleistungen auffiel, kann überzeugen, auch wenn er mit seiner verwirrten und fahrigen Art oftmals an die Rollen Woody Allens erinnert und dadurch die Frage aufkommt, ob Wilson Allen - der dieses Mal nicht vor die Kamera trat - nachahmen wollte.

Der wiederrum bleibt seiner Linie treu, mit seiner Bildung nicht hinter den Berg zu halten. Wie schon bei seinen älteren Filmen drängt sich stark der Verdacht auf, dass Woody Allen gern der Welt zeigt, was er weiß und wen er kennt. Dieser intellektuelle Humor macht seine Filme aus und trägt natürlich auch zu deren Qualität bei. Man mag darüber streiten, ob diese Art Humor nun angeberisch oder anspruchsvoll ist - im Falle von "Midnight in Paris" passt sie wunderbar, genau wie die nachdenkenswerte Moral der Geschichte: Egal in welcher Zeit man sich befindet, immer wirkt die Vergangenheit schöner und lebenswerter. Zu Unrecht, wie Woody Allen hier so schön beweist.

Von Stephan Voigt

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