Zwei Kinder prügeln sich im Park, einem wird ein Zahn ausgeschlagen. Die Eltern treffen sich, um über den Vorfall zu sprechen. Keine ganz außergewöhnliche Situation, die sich aber mehr und mehr zuspitzt und von Minute zu Minute an Dramatik gewinnt, bis die anscheinend netten Paare ihre Masken völlig fallen lassen... Das neueste Werk von Regisseur Roman Polanski ist nicht nur großartig besetzt und inszeniert, es ist einer der besten Filme des Jahres - nach dem gleichnamigen Theaterstück "Der Gott des Gemetzels".

Eine kleine Wohnung, vier großartige Darsteller - Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und  John C. Reilly - und eine vielfach ausgezeichnete Vorlage in Form eines Theaterstücks. Mehr braucht Polanski nicht, um ein Filmhighlight 2011 zu schaffen. Das sei als Fazit vorweg genommen. 

"Der Gott des Gemetzels" ist so sehenswert, weil er so anders ist, als andere Filme. Er spielt nur in der Wohnung des Ehepaares Longstreet (Foster/Reilly) und hat damit deutlich den Charakter einer Theater-Inszenierung. Der Film lebt von der überzeugenden Psychologie der Charaktere, die zunächst freundlich, distanziert und zurückhaltend, später aufbrausend, bitter-böse und cholerisch sind.  Der Übergang der Gemütszustände geschieht dabei ganz langsam, wird durch einzelne Worte angedeutet, baut sich langsam auf.

Denn die Paare kennen sich zunächst gar nicht. Nur die Tatsache, dass der Sohn der Cowans (Winslet/Waltz) den der Longstreets zusammengeschlagen - seine Mutter nennt es zunächst entstellt - hat, führt die Vier in der schicken Wohnung der Longstreets zusammen. Zunächst wird über die Schlägerei der Kinder gesprochen, als das Thema geklärt scheint, werden die Gäste sogar zu Kuchen und Kaffee eingeladen. Die Paare sind sich sympathisch. Aber irgendwann kommt das Gespräch wieder auf die Kinder und langsam werden die Differenzen größer, die Unterschiede der Paare treten deutlicher zu Tage - während die Longstreets Anwalt und Investment-Bänkerin sind, sind die Cowans Vertreter und wenig erfolgreiche Autorin. 

Die Paare geraten in immer offener ausgetragenen Streit, lassen mehr und mehr ihre Masken fallen. Ähnlich wie in Dominik Molls "Lemming" und in Michael Hanekes "Caché" sorgt eine scheinbare Kleinigkeit dafür, dass die Protagonisten ihre schöne Fassade preisgeben und ihr wahres Ich zeigen. Und hinter dieser Fassade ist längst nicht alles so perfekt, wie es für die Außenwelt präsentiert wird. Beide Ehen krieseln, keiner der Anwesenden ist so nett, wie er beziehungsweise sie zunächst scheint.  Nach und nach kommt alles auf den Tisch, die Paare schreien sich an, später ändern sich die Fronten und die Männer halten gegen ihre Frauen und deren Vorwürfe zusammen. Dann wiederhalten die Ehepaare gegeneinander zusammen und noch später kämpft jeder für sich allein.

"Der Gott des Gemetzels" - und das ist das Großartige an dem Film - ist dabei trotz aller Dramatik und Bitterheit, die den Figuren und ihren Situationen inne wohnt, für den Zuschauer unterhaltsam und sogar sehr komisch. Es kann viel und laut gelacht werden, bevor der Film nach kurzen - zu kurzen - 80 Minuten endet.

Von Stephan Voigt

 

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