The Fighter, Silver Linings und jetzt American Hustle - Regisseur David O. Russell ist ganz groß im Geschäft und verzückt Kritiker und Fans. Sein neuestes Werk ist eine herrliche Mischung aus Krimi, Komödie und Ensemble-Film. Kann "American Hustle", immerhin für zehn Oscars nominiert, aber die hohen Erwartungen erfüllen?

"Einiges hiervon ist tatsächlich passiert" - Dieser Satz wird zu Beginn eingeblendet und ist symptomatisch für den Film. Denn durch das Wort "Einiges" wird der gesamte Satz obsolet. Welche Teile der Handlung sind real? Welche sind erfunden? Diese Welt zwischen Fiktion und Realität, zwischen Schein und Sein ist es, in der Irving Rosenfeld (Christian Bale) lebt. Er betrügt Menschen, die am Boden liegen und dringend einen Kredit brauchen um ihre letzten Ersparnisse. Zusammen mit seiner Geliebten Sidney Prosser (Amy Adams) laufen die Geschäfte sogar noch besser. Sie gaukeln den Menschen vor, Kontakt zu Banken in Großbritannien zu haben - gegen eine Gebühr von 5.000 Dollar sollen die Pleitiers angeblich 30.000 oder gar 50.000 Dollar bekommen. Die krummen Geschäfte laufen solange gut, bis den Beiden FBI-Agent Richie diMaso (Bradley Cooper) auf die Schliche kommt. Nur wenn Irving und Sidney ihm vier weitere Gauner ans Messer liefern, sollen sie straffrei ausgehen. Der Deal steht, doch der ehrgeizige FBI-Agent will immer größere Fische...

Die Gier ist so auch das Hauptthema des Filmes. Die einen betrügen, um mehr Geld zu bekommen, die anderen lassen sich bestechen und diMaso will erfolgreicher und erfolgreicher sein, um auf der Karriereleiter weit empor zu steigen. So möchte er zunächst vier einfache Betrüger ans Messer geliefert bekommen, hat dann die Chance den Bürgermeister (Jeremy Renner) wegen Bestechlichkeit zu fassen und später stehen sogar Kongressabgeordnete und Senatoren auf seiner Liste - sehr zum Ärger von Irving, dem der Deal mehr und mehr zu heiß wird.

Ärger droht aber nicht nur, weil sich Irving mit immer größeren Fischen anlegen muss - richtig Angst bekommt er, als er es mit dem Mafia-Boss Victor Tellegio zu tun bekommt, der von niemand Geringerem als Robert De Niro gespielt wird - , sondern auch, weil seine Frau ihm zu Hause die Hölle heiß macht. Rosalyn, oscarreif von Jennifer Lawrence gespielt, sieht gut aus, verlässt aber niemals das Haus und bräunt sich stattdessen unter einer Höhensonne. Sie ist ein bisschen doof, setzt ihren Mann in den lautstark geführten Streits aber immer wieder mit dem Sohn unter Druck und versteht es bestens, ihre Dummheiten so dastehen zu lassen, als wären sie im Gegenteil gut und hilfreich. Das macht sie so dreist, dass ihr Mann nur verdutzt schauen kann und sich in einem Fall sogar noch bei ihr bedankt. Rosalyn sei der Picasso des passiv-agressiven Karate, sagt Irving nach einem Streit über sie. Und das trifft den Nagel auf den Kopf.

Regisseur David O. Russell entführt den Zuschauer mit "American Hustle" in das New York der späten 1970er Jahre. Wieviel Freude er daran hat, wird schon allein an den herrlich-schrägen Kostümen und Frisuren deutlich, die ebenso schräg sind, wie die Charaktere des Filmes. Die Anfangssequenz allein ist schon das Eintrittsgeld wert. In einer langen Sequenz wird dem Zuschauer gezeigt, wie Irving Rosenfeld künstliches Haar auf seine Glatze klebt und sich dann eine wirklich schreckliche Frisur macht. Dabei trägt er einen Anzug, der eine Spur geschmacklos ist. Seine Geliebte Sidney Prosser hingegen, eine ehemalige Striptease-Tänzerin, trägt stets bis zum Bauchnabel ausgeschnittene Kleider und macht sich die Haare mit einigen großen Lockenwicklern, während FBI-Agent Richie diMaso sich sehr viele sehr kleine ins Haar dreht.

Neben den Kostümen (und Friseuren) sind es aber vor allem die Darsteller, die den Film so sehenswert machen. Christian Bale - in Christopher Nolans Dark-Knight-Trilogie als Batman noch in Topform - beweist hier mit dickem Bauch Mut zur Hässlichkeit und spielt den schlauen Betrüger, der aber zum Spielball von FBI, Rosalyn und seiner Geliebten wird, grandios. Amy Adams (zuletzt als Lois Lane in "Man of Steel" zu sehen) spielt die verführerische Schöne, die aber eifersüchtig auf Rosalyn, die Frau ihres Geliebten, ist, ebenso überzeugend wie Bradley Cooper (er spielte schon, genau wie Jennifer Lawrence, in David O. Russells Film "Silver Linings" mit) den ehrgeizigen FBI-Agenten. Schade ist nur, dass Jennifer Lawrence' Rosalyn recht selten zu sehen ist, denn wie die Oscarpreisträgerin das exzentrische Dummchen spielt, ist so gut, dass ihr das erneut einen Goldjungen einbringen könnte.

Wunderbare Schauspieler, denen anzusehen ist, dass sie Freude daran haben, ihre exzentrischen Charaktere zu spielen, eine Handlung mit der ein oder anderen (leider erwartbaren) Wendung, schräge Kostüme - und dennoch bleibt "American Hustle" etwas hinter den hohen Erwartungen zurück. Das liegt an den 138 Minuten Spieldauer, die etwas zuviel sind. Zur Mitte hin hat der Film Längen, er nimmt dafür am Ende wieder Schwung auf und stimmt den Kinobesucher dann doch wieder versöhnlich. Insofern ist "American Hustle" ein guter und sehenswerter Film, nicht aber der Meilenstein, den man angesichts zehn Oscar-Nominierungen vielleicht erwartet.

Von Stephan Voigt


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