Die Brüder Grimm treffen auf Twilight - das könnte eine Kurzformel für "Red Riding Hood" sein, in dem das Märchen um Rotkäppchen variiert und zu einer Mischung aus Horror-Thriller und Film über das Erwachsenwerden verändert wird, von Twilight-Regisseurin Catherine Hardwicke. Wer aufgrund des Themas der aufkeimenden Sexualität ähnlich anspruchsvolles Kino wie in "Black Swan" erwartet, wird allerdings bitter enttäuscht. Trotzdem gibt es einen Grund, "Red Riding Hood" zu sehen: Amanda Seyfried.

Die junge Hauptdarstellerin ("Briefe an Julia") ist mit ihren weichen Zügen, den großen Augen und dem blonden Haar die perfekte Besetzung  für die jungfreuliche Valerie, die zwischen zwei Männern (Shiloh Fernandez und Max Irons) steht und in einem kleinen Dorf am Waldrand lebt, das sich seit Jahrzehnten mit einem Werwolf arrangiert hat, indem es ihm zu Vollmond ein Tier opfert. Nun aber tötet der Werwolf ausgerechnet Valeries große Schwester und die Dorfbevölkerung ist außer sich. Sie ruft den Kirchenvertreter Vater Solomon (Gary Oldman) um Hilfe. Solomon sagt, dass der Werwolf menschliche Gestalt annehmen kann und somit seit Jahren Teil der Dorfbevölkerung ist.

Was nun beginnt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel, ein Spiel um Verrat und Denunziation in der Dorfbevölkerung. Jeder ist verdächtig, jeder könnte der böse Unbekannte sein. Und Solomon schreckt auch vor Folter nicht zurück, um Geständnisse oder Informationen aus Menschen herauszupressen. Das erinnert teilweise an den Umgang der westlichen Welt mit jedem Menschen, der islamisch aussieht und wohlmöglich noch einen Bart trägt. Jeder könnte Terrorist sein.

Hauptthema ist aber die Verbindung von Valerie zu dem Werwolf. Bald wird klar, dass es dem Wolf um sie geht, die in dem kleinen Dorf in der elterlichen Obhut lebt und somit nie ein befreites Leben, eine befreite Sexualität leben kann. Sie will daher auch aus der beklemmenden Enge des Dorfes verschwinden und als sie dann noch mit einem jungen Mann verlobt wird - das endgültige Erwachsensein rückt also in greifbare Nähe - erhält sie von ihrer Großmutter (Julie Christie) einen roten Kapuzenumhang geschenkt, der das Ende des Kindseins und der Jungfräulichkeit symbolisiert.

Zwei spannende Themen also, die Regisseurin Hardwicke unter dem Deckmantel eines Horror-Märchens versteckt. Leider wird die Auseinandersetzung mit den heutigen Geschehnissen um den islamischen Terrorismus viel zu kurz und zu beiläufig abgehandelt. Und mit dem Thema der aufkeimenden Sexualität scheint sich Hardwicke nicht so intensiv beschäftigt zu haben, wie es Darren Aronofsky für sein Meisterwerk "Black Swan" tat, in dem jede Szene symbolhaft für die Psychologie des Hauptcharakters stand. Hardwicke belässt es in "Red Riding Hood" bei wenigen dieser Anspielungen.

Das wäre nur halb so stark zu kritisieren, wenn ihr stattdessen wenigstens ein guter Horrorfilm gelungen wäre. Aber auch davon ist "Red Riding Hood" weit entfernt. Sehenswert ist dieser Film wegen der glänzenden Amanda Seyfried und den wunderbaren, teils poetischen und stets schönen Bildern, zum Beispiel der in den roten Umhang gehüllten Valerie in weißer Schneelandschaft.

Von Stephan Voigt

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