Regie-Ikone Ridley Scott hat einen neuen Film. In den Hauptrollen sind Stars wie Michael Fassbender, Cameron Diaz, Penélope Cruz, Javier Bardem und Brad Pitt zu sehen. Da liegt die Vermutung nahe, "The Counselor" wäre ein heißer Oscar-Favorit und ein neuer Kino-Meilenstein des Alien- und Gladiator-Regisseurs. Wer das allerdings denkt, wird enttäuscht.

Der Film - geschrieben hat ihn Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy - handelt vom namenlosen Counselor (Michael Fassbender), der als Anwalt arbeitet und den folgenschweren Entschluss fasst, in die Drogengeschäfte von Reiner (Javier Bardem) einzusteigen. Gemeinsam mit Westray (Brad Pitt) soll er eine große Lieferung durchführen, die dem Kartell einen Gewinn von 20 Millionen Dollar bescheren wird. Doch etwas geht schief: Die Lieferung geht verloren und die Mafia vermutet ein Komplott von Reiner, Westray und dem Counselor...

Der Film passt zunächst wenig in die Reihe von anderen Mafia- und Drogenfilmen wie dem glänzenden "Savages" von Oliver Stone. Ridley Scott lässt sich viel Zeit, zunächst die Beziehung vom Counselor zu Laura (Penélope Cruz) darzustellen, der er einen teuren Ring zur Verlobung schenkt und die der junge Anwalt geradezu anhimmelt. Auch das luxuriöse Leben von Reiner mit seiner Freundin Malkina (Cameron Diaz) wird in aller Breite gezeigt. Immer wieder zwischendurch wird der Drogentransport in Szene gesetzt. Eiin zusammenhängendes Bild des Großen und Ganzen gibt es zunächst nicht für den Zuschauer. Eigentlich bekommt er das nie, denn die Hintergründe des Drogenschmuggels und was nun tatsächlich die Aufgaben des Counselors dabei sind, wird nie wirklich enthüllt.

Darum geht es Scott aber auch nicht. "The Counselor" zeigt viel mehr, wie durch eine falsche Entscheidung ein komplettes Leben aus den Fugen gerät und zerstört wird. Der namenlose Anwalt - ein Counselor ist ein Ratgeber - wird nach dem missglückten Drogendeal schnell zum Ratsuchenden. Den einzigen Hinweis gibt ihm Westray: Lauf weg, versteck dich! Doch damit gibt sich der Counselor nicht zufrieden. Er will retten, was nicht mehr zu retten ist und zieht damit all seine Freunde in den Abgrund des schmutzigen und brutalen Drogengeschäfts.

So lebt der erste Teil vor allem von seinem oft zotigen Witz, die zweite Hälfte dann von der ständigen Bedrohung der Hauptcharaktere und der Spannung. Der gesamte Film aber wird vor allem von dem Starensemble um Michael Fassbender getragen, der eine steile Hollywood-Karriere hinlegt. Mit Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" gelang ihm 2009 der Durchbruch, seitdem war er als junger Magneto im X-Men-Prequel zu sehen und lieferte mit "Shame" eine echte Arthouse-Perle ab. Der wandlungsfähige Javier Bardem - er spielte in "Das Meer in mir" einen Querschnittsgelähmten, der sich für Sterbehilfe einsetzt, in "No Country for old Men" einen skurrilen Killer und im letzten James-Bond-Abenteuer "Skyfall" den furchteinflößenden Schurken - war bereits mehrfach für den Oscar nominiert und gewann ihn schließlich für "No Country for old Men". Gleiches gilt für seine Frau, Penélope Cruz, die die begehrte Trophäe für Woody Allens "Vicky Christina Barcelona" erhielt. Und Cameron Diaz und Brad Pitt gehören zweifelsfrei auch ohne Oscar im Schrank zu Hollywoods profiliertesten Mimen.

Was also ist schiefgelaufen, bei "The Counselor"? Sind die Erwartungen an Ridley-Scott-Werke mittlerweile so hoch, dass sie quasi enttäuscht werden müssen? Mag sein. Auf jeden Fall erfährt der Zuschauer aber zu wenig über die einzelnen Charaktere und die Hintergründe der Handlung, sodass ein wirkliches Mitfiebern erst sehr spät möglich wird, egal wie glaubhaft Fassbender den Verzweifelten und Pitt den Desillusionierten spielen. Sollte "The Counselor" also mit Oscarnominierungen bedacht werden, dann für das Ensemble nicht als bester Film. Ridley Scott hätte sich da etwas bei Martin Scorsese abschauen können, der 2006 mit einem großartigen Cast einen ebenso großartigen Mafia-Film ablieferte und dafür mehrere der begehrten Goldjungen erhielt.

Von Stephan Voigt


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