Er nennt sich Music Weatherman, Rattenfänger des R&B und The World's Greatest. Auch dass er sich auf seinem aktuellen Albumcover in typischer Ray-Charles-Pose fotografieren lässt, spricht - positiv ausgedrückt - für das große Selbstbewusstsein des R. Kelly. Das hat er sich nach 20 überaus erfolgreichen Jahren im Musikgeschäft auch verdient. Mit seinem aktuellen Album "Love Letter" kehrt er zu seinen Wurzeln zurück - wunderschönen Songs über Liebe und Sex.

Nach den international wenig erfolgreichen Alben "Double Up" (2007) mit tanzbarer Clubmusik und "Untitled" (2009) klingt "Love Letter" wieder ruhig und ist von der Melodiösität irgendwo zwischen "TP3" und "R" anzusiedeln. Musikalisch hat R. Kelly sich für sein aktuelles Werk am Sound eines Marvin Gaye angelehnt, weshalb der gesamte Longplayer so retro klingt wie das Album-Artwork aussieht. Bestes Beispiel dafür ist die erste Single "When A Woman Loves", die musikalisch überzeugt, textlich aber doch zuviel Pathos besitzt: "She took me back / After I broke her heart / about a thousand times / She gave her life to me".

Damit ist "When A Woman Loves" einer der wenigen Songs, auf denen R. Kelly nicht vollkommen überzeugen kann. Dazu gehören ebenfalls das mit poppiger Kaufhausmusik unterlegte und durch ständige Wiederholung des Refrains bald langweilende "Just Can't Get Enough" sowie "Music Must Be A Lady", in dem der Sänger aus Chicago seine Liebe zur Musik mit der zu einer Frau vergleicht.

Genau anders herum und deutlich besser macht er es auf "Number One Hit". Auf einem wunderbar-smoothen R&B-Beat der Sonderklasse sagt Kelly immer wieder: "You are my number one hit." Der soft gesäuselte Refrain erinnert dabei an Sades "Smooth Operator", auf den Robert Kelly am Ende auch explizit verweist. Und so hört und träumt der Zuhörer gern: "I got a studio up in heaven / And it's the perfect atmosphere / It's guaranteed to take you platinum". Ähnlich hochklassig, jedoch mit etwas mehr bouncendem Beat, kommt der Titelsong des Albums daher. Der simple und doch schöne Refrain ("Did you get my card? / Did you read my love letter? / Did it touch your heart? / When you read my love letter") verleitet nach nur kurzem zuhören zum mitsingen. Dass der Song auch nochmals als Christmas-Remix auf dem Album zu finden ist und dort textlich und musikalisch leicht verändert wurde ist kein Manko - im Gegenteil. Beide Versionen haben ihren eigenen Charme und ihre Daseinsberechtigung.

Nur leise geht es auf "Love Letter" allerdings nicht zu. Das explizit-sexuelle "Taxi Cab" wird zum Ende hin sogar laut und rockig und "Love Is" mit dem einzigen Gast auf der CD, K. Michelle, geht nach Vorne und macht nach den ersten Takten Spaß.

Insgesamt ist "Love Letter" also kein Album, auf dem R. Kelly den Zuhörer nur mit schmalzigem, tränenreichen R&B überhäuft. Der Longplayer ist abwechslungsreich, wirkt dabei aber trotzdem homogen und stimmig. Einem R. Kelly in dieser Form wünscht man wieder Hits wie vor einigen Jahren. Man darf gespannt sein, was er in seinem Studio, der Chocolate Factory, als nächstes ausheckt. Will man ihm glauben, warten dort bereits mehrere fertige Alben darauf, auf die Welt losgelassen zu werden. Aber auch das gehört wohl zur Legendenbildung und dem schier endlosen Selbstbewusstsein des R. Kelly.

Von Stephan Voigt

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