13 Jahre. 13 Jahre ist es her, dass die Beginner, das Rap-Trio aus Hamburg, ihr letzes Album veröffentlichten. Nun sind Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad aber zurück und veröffentlichten "Advanced Chemistry". Kann die Musik von damals, von Musikern, die mittlerweile um die 40 Jahre alt sind, aber noch funktionieren?

Diese Frage scheinen sich die beiden Rapper Eizi Eiz, bekannt als Jan Delay, und Denyo, bürgerlich Dennis Lisk, sowie ihr DJ Mad auch gestellt zu haben. Nicht umsonst rappt Denyo auf "Rap & Fette Bässe": "Ah ihr Einzeller // hol den alten Jahrgang aus dem Weinkeller." Und direkt danach: "Atzen pfeifen es von den Dächern // Hamburg kommt wieder mit dicken Brettern." Und wie Recht er damit hat. Tatsächlich ist "Advanced Chemistry" - schon der Albumtitel als Anspielung auf die legendäre Deutschrap-Formation von Torch aus den 1990ern zeigt, in welcher Tradition sich die Beginner sehen - genau das: eine Sammlung von 12 echten Rap-Brettern und der Beweis, dass die Beginner während ihrer langen Pause nicht verlernt haben, gemeinsam locker, mit viel Wortwitz Rap eine Facette zu geben, die so sonst niemand in Deutschland bedient.

Bestes Beispiel für eines dieser Bretter ist die erste Single "Ahnma", auf der, ziemlich überraschend, Gzuz von der 187 Straßenbande und Raggae-Musiker Gentleman zu hören sind und die eine Hymne für Hamburg und für die Beginner geworden ist. "Alle sind happy, denn der Testsieger rappt wieder", heißt es dort von Eizi Eiz. Und das kann man nur bestätigen, wenn man den Opener des aktuellen Longplayers hört. Hier werden mal eben musikalisch und textlich Maßstäbe gesetzt, um dieses absolut hohe Niveau dann durchweg zu halten.

Dabei hat "Advanced Chemistry" deutlich mehr zu bieten, als Punchlines, lustige Vergleiche und tolle Beats. Musikalisch - die Instrumentals reichen von roughem Sound über raggaelastige Beats bis zur guten alten Oldschool-Musik - ist das Album ebenso vielfältigwie textlich. Zwar erwarten den Hörer überwiegend die Punchline-Songs auf denen man auch bei mehrfachem Hören immer wieder Zeilen entdeckt, die einen zum Lachen bringen, aber im Kopf bleiben schließlich vor allem die ruhigeren Tracks. Ein Highlight ist "Kater" über den Absturz nach einer langen Partynacht, die wiederum auf dem Track "Rambo No. 5" davor thematisiert wurde. Auf einem langsamen Beat erzählen sowohl Denyo als auch Eizi Eiz so gut von ihrer schlechten Verfassung, dass man tatsächlich mitfühlen kann: "Rihanna kann sich in den Pelz auf meiner Zunge kleiden // Nie mehr Alkohol, wirklich, das schwör ich // Mein Körper fühlt sich an wie Dresden '45." Tatsächlich nachdenkenswert geht es hingegen auf "Spam" zu, wo die Beginner die Digitalisierung kritisch beleuchten und ein absolutes Highlight auf dem Album ist "Nach Hause", der letzte Track. Dort geht es um das Fremdsein, Migration, die Liebe und den Verlust von Heimat. Wenn Denyo dort davon rappt, wie er in ein fernes Land fliegt und aus dem Hotelfenster sieht, wie hinter dem Zaun die einheimische Bevölkerung von der Polizei zusammengeknüppelt wird, dann ist das ebenso nachdenkenswert wie Eizi Eiz' Strophe über seine Eindrücke aus öden, uniformen Gegenden, in denen Deutsche unter sich sind: "Sieh mein Sohn, wie das alles endet // Ohne Migration, vollkommen unterfremdet."

Damit sind "Spam" und "Nach Hause" auch die einzigen Tracks, die tatsächlich explizit politisch sind, eine Agenda verfolgen. Ansonsten findet man, bei genauem Hinhören, einige politische und weltanschauliche Statements geschickt verpackt in anderen Songs auch - mal witzig, mal frech. So zum Beispiel auf "Schelle": "Yippie, yippie, yeah, ich habe einen im Tee // und schmiere meine Popel an deinen BMW."

Insgesamt ist "Advanced Chemistry" ein sehr unterhaltsames, musikalisch abwechslungsreiches Album, das dort anknüpft, wo die Beginner nach ihren großen Erfolgen mit "Bambule" (1998) und "Blast Action Heroes" (2003) aufgehört haben. Wer nun meint, dass das Ganze also sehr erwartbar daher kommt, mag richtig liegen. Überraschend sind neben den vielleicht vorhersehbaren Features Samy Deluxe und Dendemann dann aber Gäste wie der genannte Gzuz und auch der Frankfurter Street-Rapper Haftbefehl. Beide machen sich erstaunlich gut aus der Scheibe und wirken absolut nicht wie Fremdkörper. Außerdem: Dass die Beginner die Erwartungen ihrer Fans erfüllen, ist ja auch nichts schlechtes. Nach den beiden genannten Super-Alben liegt die Messlatte für den neuesten Longplayer schließlich sehr, sehr hoch. So gesehen ist es eher ein Ritterschlag, dass Eizi Eiz, Denjo und DJ Mad nicht von ihrem Weg abweichen und tatsächlich das liefern, was gewünscht wird: Rap der Spitzenklasse.

Von Stephan Voigt

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