Rapper MoTrip ist erst 28 Jahre jung und legte 2015 mit "Mama" erst sein zweites Album vor. Dennoch wagt er in vielen Tracks einen Blick auf die deutsche Rap-Welt und findet dabei ebenso treffende wie kritische Worte. Aber das ist längst nicht alles, was den Longplayer zu einer echten Perle macht.

2012 veröffentlichte MoTrip, der mit bürgerlichem Namen Mohamed El Moussaoui heißt und aus dem Libanon stammt,  sein Debüt-Album "Embryo" und wurde dafür schon gefeiert. "Mama", 2015 veröffentlicht, stieg schließlich sogar bis auf Platz 3 der deutschen Charts und beinhaltet mit "So wie du bist" (feat. Lary) eine Single mit Gold-Status. All diese Erfolge kommen nicht von ungefähr, denn wer das aktuelle Werk hört, wird schnell feststellen, dass MoTrip alles mitbringt, um im deutschen Rap-Game Erfolg zu haben: Er ist weiterhin Fan genug, um begeistert von Rap zu sein und kritisch auf die Szene zu blicken, er hat Wortwitz und beherrscht typische Ich-bin-der-Beste-Tracks ebenso gut wie potenzielle Charterfolge.

Besonders im ersten Teil des Albums setzt sich der Aachener Rapper mit seiner Musik auseinander. Auf dem geradezu hymnischen "Trip" rappt er beispielsweise: "Die Verse, die ich schreibe, unterscheiden sich vom Rest // Sie streiten ums Geschäft, es geht nur um Profit // Alle schmieden Pläne, keiner redet von Musik." Und auf dem ebenso guten, aber viel düsteren "Wut" heißt es: "Rapper drehen dir ihre Scheiße an als wahre Poesie // Viele warten nur auf Beef, um den Karrieresprung zu machen // um dann nach einem Diss gleich ein Imperium zu schaffen. // Früher wollte man noch rappen, um die Kids zu motivieren // Heute geht es nur noch darum, ein paar Klicks zu generieren." Treffender hätte man es kaum ausdrücken können, dabei ist erstaunlich, dass MoTrip mit seinen gerade 28 Jahren den Blick zurück in die sogenannte goldene Ära des Deutschraps Ende der 1990er und Anfang der 2000er wagen kann, als die HipHop-Szene noch eine kleine war und es nicht darum ging, mit Rap reich zu werden. Damals stand tatsächlich im Vordergrund, sich gegenseitig anzuspornen, Neues zu wagen und das Rap-Ding in Deutschland überhaupt erst aufzubauen. Das ist vorbei, heute werden Rapper gehyped und erreichen teilweise beträchtliche Chart-Erfolge. Das ist natürlich nicht per se schlecht, verändert aber die Rap-Landschaft. Auch damit setzt sich MoTrip auf "Mama" auseinander - auf dem Track "Hype", auf dem auch sein Bruder Elmo zu hören ist.

Eines der nicht gerade wenigen Highlights auf dem Album aber ist "Wie ein Dealer". Auch dort setzt sich MoTrip mit dem Rap-Game auseinander, tut dies aber mit einem Augenzwinkern und beweist ganz nebenbei seinen Wortwitz. Er vergleicht sich als Künstler nämlich mit einem Drogendealer und hält dies nicht nur über zwei, vier oder acht Zeilen, sondern über die gesamten gut drei Minuten durch. Er legt seine Lines wie ein Dealer, alles, was MoTrip macht ist dope, die anderen Rapper schaden der Jugend mit dem Dreck, den sie verticken und MoTrips Platten werden gecuttet - all diese und viele weitere Parallelen zieht der Aachener von Rap-Musik zum Drogengeschäft.

Doch MoTrip hat auf den 16 Anspielstationen seines Albums mehr zu bieten als eine Reflexion des Rap-Geschäfts. Neben dem großartigen Opener "David gegen Goliath", bei dem der Titel schon die Zielrichtung des Tracks vorgibt, und dem spannenden, weil mit Zahlen spielenden Track "Mathematik" finden sich auch Tracks, die tatsächlich als Song betitelt werden können. Da wäre das ruhige und mit Gitarre begleitete "Malcolm mittendrin". MoTrip spricht dort über sein Außenseiterdasein und damit über schlechte Chancen in der deutschen Gesellschaft. Dennoch ist der Song zwar traurig, dennoch aber voller Hoffnung, wenn MoTrip rappt (singt?): "Du alleine kannst die Welt nicht bewegen, aber stell dir uns gemeinsam vor." In eine ganz ähnliche Richtung geht der größte Hit von "Mama", "So wie du bist". MoTrip rappt dort über seine Beziehung zu einer Frau und darüber, dass deren Umfeld ihn nicht für gut genug befindet. Lary (Review zu ihrem Debüt-Album FutureDeutscheWelle hier: Lary ist die Zukunft der Neuen Deutschen Welle) singt dabei den Refrain und auch der macht trotz aller Traurigkeit und Depressivität des Songs Mut und Hoffnung: "Ich mag dich so wie du bist - ich brauch dich so wie du bist // Lass die andern sich verändern und bleib so wie du bist."

Dass der Rapper hier vom Außenseiterdasein spricht und sich auf "Kaltes Wasser" gleichzeitig darüber auslässt, dass man in der Schule nicht wirklich auf das wahre Leben vorbereitet wird, verwundert nur auf den ersten Blick. Schließlich stimmt beides irgendwie: Wer in Deutschland nicht aus einem wohl situierten Elternhaus stammt, hat schlechtere Chancen im Berufsleben und in der Schule. Gleichzeitig ist es tatsächlich so, dass die Schule einen mit theoretischem Wissen überhäuft und dabei gern vergisst, den Kindern Dinge beizubringen, die sie später tatsächlich einmal brauchen werden. Das greift MoTrip auf, wenn er rappt: "Ich kenn bis heut das Periodensystem // Doch in Chemie sagte keiner was von Drogenproblem'n // Kenn mich mit Zahlen aus, seitdem ich meinen Deal unterschrieb // Doch für mein' letzten Mathetest hätt' ich 'ne Sieben verdient." Soweit so gut. Dass Sido, der ebenfalls auf dem Track zu hören ist, aber sehr deutlich macht, dass das, was die Lehrer sagen "nur Gelaber" sei, ist eindeutig zuviel und auch vielleicht nicht das, was man Schülern vermitteln sollte. Schließlich wird kaum jemand das Glück haben, wie Sido beispielsweise durch Musik reich zu werden und somit nicht unbedingt auf Schulbildung angewiesen zu sein.

Aber immerhin kann MoTrip auf namhafte Features wie Sido, Azad, Manuellsen, Haftbefehl und Samy Deluxe verweisen. Dass ihn das stolz macht und ehrt, verrät er ganz offen auf dem Track "Fan", auf dem auch Samy Deluxe zu hören ist, der aber nicht seinen besten Tag erwischt hat. Sein Flow wirkt ebenso müde wie sein Textpart. Vergleiche wie "Rap ist für uns wie ein schwereloser Zoo - tierisch leicht" sind ganz offensichtlich nicht der große Wurf.

Dennoch sind das kleine Schwächen und insgesamt hält "Mama" das hohe Niveau über nahezu alle 16 Tracks. Damit legt MoTrip die Messlatte für weitere Alben sehr hoch. Man darf sich auf mehr Output aber definitiv freuen. Und bis dahin kann man "Mama" immer wieder und wieder hören - die Platte wird auch nach vielen Malen nicht schlechter. Und das alleine zeigt schon die hohe Qualität.

Von Stephan Voigt

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