Vier lange Jahre mussten Fans auf ein neues Album des Rappers Olli Banjo warten. Die Geduld hat sich gelohnt: der neue Longplayer ist so herrlich unkonventionell und erfrischend, wie es zu erwarten war. Obwohl Banjo eine große Fanbase hat und lange im Geschäft ist, gilt eines weiterhin: Mainstream ist er nicht!

Oliver Otubanjo, wie der 37-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, ist mit Sicherheit einer der interessantesten Rapper in Deutschland. Das liegt nicht daran, dass er große Hits vorzuweisen hätte - hat er nämlich nicht. Das liegt auch nicht daran, dass er über ganz neue Themen rappt - tut er nämlich nicht. Das liegt vielmehr daran, wie er seine Themen und Aussagen verpackt.

Banjos Texte bewegen sich stets zwischen inhaltsleerem aber umso unterhaltsamerem (und gern auch pornografischem) Nonsense, typischem Battle-Rap und Conscious Rap, den er aber gern ironisch und Rapper Olli Banjo veröffentlichte jetzt sein Album Dynamit Foto: Miguel de Paula humorvoll verpackt, sodass die Message erst beim zweiten Hören wirklich offenbar wird. Gleiches gilt auch für die Tracks, in denen Banjo sich mit der Rap-Szene auseinandersetzt. Kritik verpackt er auch in den von vielen anderen Rappern bekannten Battle-Tracks, aber ebenso in kleinen Spitzen, die hier und da in den verschiedenen Songs auftauchen. Dabei pickt er sich die zu kritisierenden Punkte heraus, greift sie selbst auf und übersteigert sie bis ins Lächerliche - ein Humor, den man mögen muss, ein Humor, für den man vielleicht auch schon Erwachsen sein muss.

Bestes Beispiel dafür ist der Song "Uzi", auf dem Banjo ganz klassisch seine Battle-Skills präsentiert, aber eben auch ein Statement zu den angeblichen Gangster-Rappern abgibt, die immer davon erzählen, dass sie mit Pistolen herumlaufen würden und andere Rapper oder Rivalen aller Art erschießen würden. Bei Banjo wird aus der kleinen Pistole eine Uzi und deren Schüsse werden so lautmalerisch in der Hook eingesetzt, dass der Song auf Livekonzerten mit Sicherheit großes Potenzial hat: "Meine Uzi macht ratata, ratata, ratata." Ebenso greift Banjo Bushidos Skandal-Song "Stress ohne Grund" auf, auf dem der Berliner rappte, er mache in seine Feinde Löcher wie ein Golfplatz. Und Banjo? Der rappt ebenfalls auf "Uzi" stattdessen: "Ich mach Löcher in Rapper wie ein Spongebob."

In die gleiche Battle-Richtung geht der Titelsong "Dynamit", der, genau wie "Uzi" und nahezu alle Songs des Albums, von Banjo selbst produziert wurde. Soundtechnisch bleibt er seinen Vorgängeralben aber treu und schafft einen ähnlich dominanten, lauten und ungewöhnlichen Sound zwischen Rap, Techno und Rock wie sein frührerer Haus-und-Hof-Produzent Roe Beardie. Wie er aber auf "Dynamit" den Techno-Beat teilweise mit schnellem Double-Time-Rap bändigt, zeigt: Olli Banjo gehört zweifelsfrei zu den besten Rappern in Deutschland.

Wie vielseitig er ist, beweist Banjo auch auf seinem aktuellen Album erneut. Neben den erwähnten Battle-Tracks befindet sich auch der geradezu hymnische Song "Träumer" mit einem kurzen aber sehr druckvollen Rap-Part von Kool Savas auf der Platte. Hörenswert ist auch das - natürlich - ungewöhnliche Liebeslied "Mädchen aus den Slums", bei dem es vordergründig um die Liebe zu einer total unmöglichen Frau geht, bei dem Banjo aber eigentlich eine Liebeserklärung ans Anderssein verfasst hat. Dieses Mädchen aus den Slums steht nackt und nur mit Sneakers an den Füßen vor dem Fernseher, hat keine Manieren und macht sowieso was sie will. "Sie ist aus Prinzip anti, sie braucht dafür keinen Grund // Sie spuckt auf den Boden, sie wirft Steine auf die Bullen // Sie baut sich ihre Welt, wem's gefällt, der kommt mit // und wem nicht, der halt nicht // Sie sagt, sie braucht nur sich." Aber eben dieses Unangepasstsein macht das Mädchen so liebenswert, so anders, so besonders. In die komplett andere Richtung hingegen geht "Arschgeweih", auf dem es um diejenigen Menschen geht, die jedem Trend nachlaufen. Eine echte Entdeckung ist dabei der bislang unbekannte Feature-Gast Damir Message, der mit seinem großartigen Flow Olli Banjo auf Augenhöhe begegnet, in die Rolle eines der Modeopfer schlüpft und rappt: "Ein toter im Strom schwimmender Fisch // ein Fähnchen im Wind // Beim Blick in den Spiegel sehe ich viel // aber ich sehe nicht mich."

Großartig und eher in Richtung Conscious Rap gehend ist der Song "Ich hoffe der Papst glaubt an Gott", auf dem Banjo sich mit der Verlogenheit in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und ganz nebenbei auch die Kirche mit Zölibat und Pädophelieskandalen kritisiert, die sich auch nicht allen Schäfchen offen zuwendet ("Magdalena vom Straßenstrich glaubt an Gott, aber der sagt gerade nichts."). Tenor: Sportler dopen sich zum Erfolg, Politiker halten ihre Versprechen nicht, aber hoffentlich glaubt wenigstens der Papst als eine der höchsten moralischen Instanzen tatsächlich an Gott, wie er vorgibt.

Einige amüsante Storytelling-Tracks wie das herrlich subversive "Job verloren" mit Sido und She-Raw sowie der Party-Song "Karussell" ("Wie David Guetta legt auf? Da tanz ich lieber mit dem iPod bei Memmet vor'm Spät-Kauf") runden "Dynamit" dann auch noch ab und machen es zu einem echten Lichtblick am deutschen Rap-Himmel. Dass die beiden schwächsten Songs - "Baum" und "Happy End" - mit Xavier Naidoo und Materia ausgerechnet zwei große Namen als Gäste am Mikrofon haben und damit dann doppelt enttäuschenm ist zwar schade, tut der ansonsten durchweg hohen Qualität von "Dynamit" aber keinen Abbruch.

Also: Wer richtig guten Rap abseits der bereits ausgetretenen Musikpfade hören will, der sich nicht so leicht in eine Schublade stecken lässt, der ist bei Olli Banjo im Allgemeinen und "Dynamit" im Speziellen goldrichtig.

Von Stephan Voigt

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