"Rap braucht kein Abitur, aber es schadet nicht", rappt Afrob auf seinem neuen Album "Push" und macht damit eine klare Ansage zu einer lange währenden Diskussion über Anspruch und Themen von Rap. Der neue Longplayer des Stuttgarters ist dabei in beiden Welten zu Hause - in der der Abiturienten und derjenigen, die eher Party- und Battle-Musik hören. - Eine Rezension von Stephan Voigt

Die Bandbreite des Albums wird deutlich, wenn man sich das Werk als Ganzes ansieht. Auf Track eins, "Immer weiter", zeigt Afrob das, was ihn 1999 mit dem Song "Reimemonster" schlagartig bekannt gemacht hat: Rap zum Durchdrehen, Spaß haben, Feiern. Mit seiner eingängigen Hook und den Bläsern im Hintergrund hat dieser erste Song absolutes Hitpotenzial und bringt jeden Hörer nach wenigen Takten zum Kopfnicken. Der letzte Track, Nummer 16 immerhin, ist dann das genaue Gegenteil. "Lampedusa" heißt er und befasst sich mit dem Schicksal der vielen Afrikaner, die sich unter lebensbedrohlichen Bedingungen auf den Weg Richtung Europa machen. Dabei verschließt Afrob auch nicht vor Menschen- und Organhandel, vor Misshandlungen der Flüchtlinge und deren Ausgeliefertsein die Augen. Und so entlässt Afrob seine Hörer nachdenklich nach dem Anhören des Longplayers.

Und dazwischen? Dort befinden sich 14 Songs, die sich zwischen den beiden von "Immer wieder" und "Lampedusa" abgesteckten Polen bewegen und dabei leider nicht durchweg die hohe Qualität der genannten Tracks halten können. Überhaupt ist "Push" ein Album, das seine Qualität an vielen Stellen erst beim zweiten Hören offenbart. Man sollte es also nicht allzu schnell wieder aus dem Player holen. Dennoch enttäuschen vor allem "808 Walza" (feat. Telly Tellz & Asmarina Abraha) und "Von Pfaffenäcker ins Märkische". Trotz eigentlich guter Beats - besonders "808 Walza" erinnert an eine Lil'-Jon-Partyproduktion - bleiben die Songs zu beliebig und damit nicht im Gedächtnis. Schade.

Durchaus unorthodox kommen Beat und Hook von "Schwerer Anschlag" daher. Beides wird längst nicht jedem Hörer gefallen, aber der Mut von Afrob und dem ebenfalls auf dem Song zu hörenden Samy Deluxe zahlt sich aus. Zumindest bei Liveshows wird die Hook mit dem ständig wiederholten "Rette sich wer kann, rette sich wer kann" die Massen zum Mitmachen animieren. Und auch auf CD gefällt "Schwerer Anschlag" gerade weil er mal so ganz anders klingt als andere Rapsongs.

Weniger unorthodox aber mindestens ebenso gut ist "Fuß in der Tür" feat. Der Stamm, einer der besten Tracks des Albums - samt basslastigem und aggressivem Beat, der zum Kopfnicken einlädt. Und wer einmal wissen möchte, was passiert, wenn Männer deutlich jenseits der 30 Jahre nochmal in den Club zum Feiern gehen, der sollte "Ruf deine Freunde an" hören, auf dem besonders Max Herres augenzwinkernder Part überzeugt: "Die alte Schule in der Discothek // Die alten Tricks auspacken, sehen ob das noch geht // Die alten Hits hören und laut dazu rappen // Die alten Knochen können nix mehr, außer twosteppen // Zwei nach rechts, zwei nach links // eine Hand an ihrer Hüfte, eine Hand am Drink // Aber Mädels, bitte nicht so ranschmeißen // Ich krieg' Probleme mit der Bandscheibe."

 "Freundschaft+", "Ich mag an dir" (feat. She Raw) und "Jeder geht" sind ebenso hörenswerte Songs über die unterschiedlichsten Arten von Beziehungen und "Zeit" (feat. Phono), ein Track darüber, wie die Zeit das Leben verändert, gehört auch zu den Highlights auf "Push".

Ein neuer Klassiker ist Afrob mit seinem 2014er Werk zwar nicht gelungen, es zeigt aber, dass Robert Zemichiel, so der bürgerliche Name des Stuttgarters, von seinen Fähigkeiten her in die erste Liga des deutschen Raps gehört (was unter anderem eindrucksvoll auf "Keine Gefangenen" bewiesen wird). Schade, dass seit seinem letzten Longplayer, "Der Letzte seiner Art", fünf Jahre vergangen sind und dass Afrob bislang wenig echte Hits vorzuweisen hat. Verdient hätte er durchaus mehr auch kommerziellen Erfolg. Von einem Afrob in seiner aktuellen Form will man auf jeden Fall mehr hören. Bleibt zu hoffen, dass es bis zu einem nächsten Lebenszeichen nicht erneut fünf Jahre dauert.

Von Stephan Voigt

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